| Racing |
| Ein Sommertag wie damals |
Der Jammer an Österreich ist ja eigentlich der: Die Begeisterung für den Motorsport ist groß, aber es gibt keinen. Die homosexuellen Gleichmäßigkeitsschleichereien werte ich jetzt nicht als Sport, denn worum geht es beim Einsatz von Rennautos denn? Richtig, ums Andruckn, ums Anstoffen, ums Birnen und Wetzen. Wer sowas sehen möchte, am besten noch mit echten Geräten, und ich meine damit, den einzig wahren Geräten, muss eine weite Anreise in Kauf nehmen. In die Vulkan Eifel. Und er wird es nicht bereuen. Wir befinden uns beim Eifel Rallye Festival. Einer Veranstaltung, bei der es nur um historische Fahrzeuge aus dem Rallyesport geht. Originale wenn möglich, aber auch herzlich aufgebaute Replikas sind willkommen. Daraus ergab sich ein Starterfeld, das allein schon von der schieren Größe zu beeindrucken verstand. Ein ganzer Ort namens Daun (der uns für diverse Wortspiele noch des öfteren zur Verfügung stehen sollte) ließ sich von der Meute in Beschlag nehmen. Ganz genau so, wie das seinerzeit die Regel gewesen sein muss, als der Rallyetross sich wieder mal versammelte. Ohne Sponsoren geht so ein Getummel natürlich nicht. Dass es Opel war, der die Münzen tanzen ließen, war wirklich kein Nachteil. Ich meine: He, wer behauptet, so ein Rallye-Ascona sei kein geiles Gerät, der hebe bitte jetzt die Hand. Und der Mittelmotor-Kadett sowieso. Überhaupt, diese Zeit hatte etwas magisches, denn kaum ein Modell, egal von welcher Marke, das im Rallyetrimm nicht lässig war. Das gab es vorher und nachher nie wieder. Wir strömten am allerersten Tag zu der Veranstaltung, an dem es am Abend ein erstes Stelldichein geben sollte, inklusive Filmvorführung im Stadtzentrum (also in Daun town) und Shake down (also hier: Shake Daun) vorab, zu dem es uns natürlich gleich mal trieb. Ein erster Check vorab noch, ob Bild und Ton auch passen, und nachdem Herr Röhrl überlebensgroß von der Leinwand blickte, ging es los zum ersten Kräftemessen. Und zumindest bei mir ist es so, dass die Freude schon dann aufkeimt, wenn ich bereits auf dem Parkplatz höre, wie am außer Sichtweite liegenden Start der nächste Teilnehmer die Erste aufzieht und mächtig stehen lässt. Wem es da nicht die Mundwinkel nach oben treibt, kann mit historischem Motorsport nichts anfangen. Tatsächlich war es so, wie es anders nicht sein darf: Eine Ortschaft bildete den Vorstart, eine kleine Schleife über leere Landstraßen die erste Runde für letzte Tests und Abstimmungen. Der Andrang war groß und das Starterfeld bunter als sonst wo. In Wahrheit ist es sogar so, dass man bei diesen Veranstaltungen mehr zu sehen bekommt als damals bei einem WM-Lauf. Wo natürlich immer nur die seinerzeit aktuelle Fahrzeuggeneration gegeneinander antrat. So aber rollt alles, was Rang und Namen hat an den Start. Dabei ist es ziemlich wurscht, ob Gruppe 4 oder Gruppe B, von mir aus auch Gruppe A - im Nachhinein sind sie alle spannender als die aktuellen Geräte. Aber ich glaube, das sagt man immer über die verflossenen Generationen. Ich kann mich noch erinnern, was das für ein Aufschrei war, als die Gruppe A kam. So fad und öd und überhaupt. Als die Gruppe N dann überhand nahm, waren die Cossies und Celicas auf einmal wieder lässig, und spätestens als nur mehr synthetische WRCs herumstreunten, erkannte jeder schmerzlich, welche Qualitäten sogar die alten Evos noch hatten. Aber das macht mir keine echten Sorgen, denn scheinbar ist das normal und ein uralter Fehler der Menschheit: Den Wert der Dinge erst zu erkennen, wenn es längst zu spät ist. Natürlich sagt dann jeder, na mir war das von Anfang an klar, dass die Kisten damals viel leiwander waren. Eh, ich bin ja auch so ein Schlumpf, der sich von der Erinnerung bei jeder Gelegenheit verklären lässt. Vor allem, wenn eine Meute wildgewordener Geräte vor dir durch den Wald pirscht und dir die Augen feucht macht. So wie es durch die Bäume und die Hänge hinab hallt, breitet sich der Klang sonst nirgendwo aus. Und überhaupt, das muss ich schon lobend anmerken, dass die Teilnehmer sich und ihren Autos wirklich nichts schenkten. Es wurde gefahren, was das Material hergab. Natürlich immer mit dem nötigen Restrespekt, denn es geht ja um nichts. Und ruinieren möchte man ja auch nichts. Aber in Anbetracht dessen, wurde den Zuschauern wirklich einiges geboten. Wobei ich nicht mal sagen kann, was jetzt wirklich der entscheidende Punkt war. Ich glaube, es war eine Mischung aus allem: Zum einen natürlich die teilnehmenden Autos. Dann die schiere Menge. So viele Ex-Rallyeautos auf einem Fleck, das muss auch mal verdaut werden. Und dazu ein Haufen Leute, die alle nur das gleiche im Kopf haben und von diesen Kisten nicht genug bekommen. Das erzeugt natürlich eine Atmosphäre, die dich mitreißt und wohlig eintauchen lässt in eine Welt des brüderlich geteilten Asphalts. Hier und jetzt regiert der gute alte Rallyesport, aber nachdem das an diesen Tagen eh niemanden stört, muss das nicht einmal extra erwähnt werden. Und dennoch benötigt eine so große Bewegung einen Knotenpunkt, der alles zusammenhält. Der den Mittelpunkt darstellt, von dem alles ausgeht und bei dem alles zusammen läuft. Und der war Walter Röhrl. Ich glaube, es gibt keinen Aspekt des Phänomens Röhrl, der nicht schon mannigfach durchleuchtet wurde. Eine Sichtweise gibt es aber, der mir in der Eifel das erste mal auffiel: Der Faktor Röhrl dürfte sich einfach nicht abnützen. Er kennt keinen quantitativen Verschleiß, keine Sättigung und Überreiztheit. Ganz egal, wo und wie oft dieser Mann auftaucht. Er wird es immer verstehen, die Massen zu begeistern. Das ist für einen Veranstalter natürlich ein unverzichtbares Detail. Daher gab es ein schönes Rahmenprogramm für den Jahrhundertfahrer: Alle wichtigen Autos seiner Karriere standen für ihn an diesen Tagen bereit. Auch Christian Geistdörfer (hier artig auf einem Modell-Lancia unterschreibend) gehörte zum Organisatorenteam. Es bedurfte somit wohl keiner großen Überredungskunst, dass sein alter Freund und Pilot für ein paar Runden vorbeischauen würde. Doch wie lässt sich die immerwährende Begeisterung für diesen Typ erklären? Scheinbar färbt das schwarze Loch namens Röhrl auf seine Fans ab. Nachdem auch er von der Fahrerei und der Suche nach Perfektion hinterm Lenkrad nicht genug bekommen kann, also immer noch DER Röhrl ist und es wohl für immer bleiben wird, lässt die Sucht der Leute nach dieser Person auch nicht nach. Ich weiß, Sucht ist ein großes Wort für ein Fan-Gehabe. Aber im weiteren Verlauf der Veranstaltung sollte sich diese Sichtweise noch bestätigen. Jedenfalls arbeitete sich Walter Röhrl durch die Jahrzehnte, indem er von Ascona über 037 bis zum S1 wechselte. Er machte das aber in einer so dezenten Art und Weise, dass sich kein anderer Teilnehmer in den Hintergrund gedrängt fühlen musste. Wer den Walter nicht sehen wollte, bemerkte ihn auch nicht. Er macht keinen Wirbel um seine Person. Das machen die um ihn herum. Auch so ein Aspekt, der ihn von anderen unterscheidet. Und bemerkenswert ist es sowieso, dass ihm der ganze Hype um seine Person nicht schon längst zu Kopf gestiegen ist. Oder zumindest nicht merklich. Aber genau deswegen werden wir jetzt auch mal eine Zeit lang aufhören, über den Herrn Röhrl zu reden, denn die eigentlichen Stars dieser Tage waren ja die Autos. Und was ich eingangs erwähnte: Alle Autos dieser Tage waren auf ihre eigene Art leiwand. So eine Celica ist doch der Knaller, oder? Und ein heimlicher Traum von mir, der R5 Turbo, ist in seiner kompakten Wahnsinnigkeit nur schwer zu überbieten. Ich finde das irgendwie traurig. Ich meine, damals verstand es scheinbar jeder Hersteller, Autos zu bauen, die begeistern konnten. Japaner, Franzosen, die Deutschen, sie alle boten Kisten, die cool wirkten und Spaß machten. Audi und Peugeot natürlich auch. Es waren Autos, die man einfach besitzen wollte. Kein verspieltes Knödeldesign, sondern grundehrliche Linien. Und heute? Da wird eine Marke neunmal en suite Weltmeister und keiner merkts. Dazu bauen die Jungs von Citroen zwar brave, aber so unglaublich fade Autos, dass man ernsthaft am Marketinginstrument Motorsport zu zweifeln anfängt. Aber warum ist das so? Waren die Ingenieure seinerzeit motivierter, vielleicht selber mehr begeistert vom Phänomen Auto? Liegt es einfach an unserer überbürokratisierten Welt, dass der Spaß an der Fortbewegung bald gänzlich am Boden ist? Ich glaube, es kommt alles zusammen. Die Autos sind immer Kinder ihrer Zeit. Und die 80er waren nun mal ein verrücktes Jahrzehnt, frei und ungezwungen, nicht mehr so unvernünftig und kurzlebig wie die 70er, aber trotzdem noch luftig und locker. Und so waren auch ihre Autos, ihre Ingenieure und natürlich auch ihre Stars. Womit wir wieder bei Walter Röhrl sind. Aber er gehört zum Kuchen nun mal dazu und zeigt uns - so wie die Autos von damals - auch heute noch, warum es damals so lässig war. Wer Röhrl und Geistdörfer mal unter vier Augen erlebt, wie sie auch nach gut einem Viertaljahrhundert abseits des professionellen Motorsport immer noch harmonieren, erkennt in glücklichen Momenten das Funkeln in ihren Augen, das spitzbübische Wesen, das blieb, von einer tollen Zeit. Und genau dieses Wesen haben die Autos von damals auch in sich: Sicher waren wir nicht perfekt und hatten unsere Schwächen. Aber hey, wir hatten eine Menge Spaß und sehen auch heute noch geiler aus als ihr stromlinienförmig geschniegelte Streber. Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass ziemlicher Trubel herrschte (damit ich nicht völlig ins Anormale abschweife), der trotz absoluten Sauwetters auch die Medien in die Pampa trieb. Der Strom an teilnehmenden Fahrzeugen wollte nicht abreißen und es war tatsächlich so, dass wir langsam weg mussten, aber noch nicht mal alle Gruppe B-Autos einmfal fahren gesehen haben. Denn es gab ja dann noch eine Abendveranstaltung. Deimels neue DVD "Röhrls Katze" sollte vorgestellt werden, zudem gabs das übliche Essen und Bechern und natürlich eine Bühne, auf der die Protagonisten diverse Gschichtln aus der damaligen Zeit zum besten geben sollten. Herr Röhrl wurde von den Kameras noch regelrecht erdrückt, als wir uns schon wieder Richtung Daun schlichen. Sogar kleine Werbezettel waren schon gedruckt, die Show konnte also los gehen. Im Endeffekt war es ein gelungener Abend, der nur aus dem speziellen Mix aus deutscher Gründlichkeit und österreichischer Improvisationskunst so zustande kommen konnte. Die Infrastruktur funktionierte optimal, der Mix aus Ausschnitten von der DVD und den Kommentaren zwischendurch ließ den Abend aber erst aufwachen. Dieses Konzept aus Kurzfilmen und zwischenzeitlichen Erzählungen war in dieser Form neu und unerprobt. Generell: Was sollte bei diesem Stoff bitteschön schief gehen? Ein Restrisiko bleibt bei diesen Events aber immer. Wer weiß schließlich, ob genug Leute kommen? Wenn das Wetter schon mal so mies ist. Und sobald die Autos nicht mehr fahren, schleichen sich gewöhnlich eigentlich alle. Aber es war wohl auch hier der Faktor Röhrl, der die Massen mobilisierte und die Arena füllen ließ. Und nachdem die Schmähs von der Leinwand und auch die von der Bühne beim Publikum ankamen, schien der Knoten geplatzt. Feiern wir eine Zeit, die zwar schon lange vorbei ist. Aber feiern wir sie gemeinsam! Wer für die damalige Rallye-Epoche etwas übrig hat, war an diesem Abend in seinem Element. Dabei begeisterten nicht mal die teils bis dato unveröffentlichten Aufnahmen der neuen DVD am meisten. Sondern die Erzählungen von Deimel, Geistdörfer und Röhrl, die alle gemeinsam damals bei Audi arbeiteten, und an denen man heute noch unschwer ablesen kann: Diese Herren hatten bei ihrer damaligen Arbeit wohl jede Menge Spaß. So, Film aus, alles leert sich recht schnell, und nach ein paar Getränken im angrenzenden Hof war es auch für uns erst mal Ende. Denn die wahre Action sollte erst am Tag 2 wirklich los gehen. |
| weiter |